H wie Heuschrecke

Ob mein Buch auch Nature Writing sei, fragt Helen Macdonald. Der Feldweg, den wir entlanggehen – Sammlertempo, kein Jägertempo –, führt an noch ungemähten Futterwiesen vorbei. Seit Erscheinen von „H wie Habicht“ gilt Helen Macdonald als eine der wichtigsten Protagonistinnen des Genres, das streng genommen gar keines ist.

Das British Council hat zum Workshop/Seminar eingeladen; drei Tage Annäherung an das ursprünglich angelsächsische Phänomen, dem die vielfältigsten Schreibhaltungen und Formen zugezählt werden. Heute, am letzten Tag der Veranstaltung, haben wir das Literaturhaus München verlassen, sind draußen, in der Naturlandschaft Nantesbuch südlich von der Landeshauptstadt. Hinter den hohen Wiesen, dem Wald, zeichnen sich diesig die Alpen ab, ein verwässertes Tintenblau. Es riecht nach warmem Heu hier, Wildblumen.

„Hm…“, antworte ich. Natürlich verehre ich Helen Macdonalds Arbeit; die klare, poetische Sprache, das große Wissen, die unbedingte Bereitschaft, die eigenen Annahmen und Antriebe zu hinterfragen, aber es ist nicht Ehrfurcht vor der Bestsellerautorin, die mir die Sprache verschlägt. Helen Macdonald hat nämlich die Gabe, ihre Person völlig in den Hintergrund treten lassen zu können, in die Umgebung auf zu lösen, wie weißes Rauschen; eine hilfreiche Fähigkeit, will man einen Habicht abtragen. Oder literarische Debütantinnen aus der Reserve locken. Ich weiß einfach nicht, wie antworten, schließlich habe ich meinen fiktiven Garten in Frankfurt angelegt. Garten. Großstadt. Gleich zwei mal Punktabzug in Sachen „Natürlichkeit“ für meinen Roman-Schauplatz.

„Hm“, sage ich. „Ich bin nicht sicher. Es geht in ‚Garten, Baby!’ um eine Hausgemeinschaft in einer großen Stadt. Die Bewohner kultivieren einen Garten. Und umgekehrt: Der Garten kultiviert sie.“

Helen lacht. „There you go“, sagt sie, „urban nature!“ Die Artenvielfalt sei in den Städten inzwischen doch häufig größer als im ländlichen Raum mit seinen Maisfeldmonokulturen, kaum Leben darin. Leuchtend blaue Augen. Helen Macdonald wirkt wie ein heiterer Mensch, und das wo sie sich, wie alle aus England angereisten Nature Writers sehr intensiv mit dem besorgniserregenden Artensterben, den rapide schmelzenden Polkappen befasst. Der Wunsch zu archivieren, wenigstens die Erinnerung an bedrohte Landschaften und Spezies am Leben zu halten – der mitschwingende Schmerz über das Verschwinden, scheint eines der wenigen gemeinsamen Elemente des sonst so bunten Feldes zu sein. Ich habe mich während der vergangenen Tage immer wieder gefragt, wie die einzelnen das aushalten, immer so nah dran zu sein am Verlust.

Helens Augen verengen sich. Blitzschnell beugt sie sich zur Wiese hinab, nach einer Bewegung zwischen den Halmen. „Grasshopper!“, sagt sie und präsentiert die gefangene Heuschrecke auf ihrer Hand. Absurd, diese visuelle Parallelität – eine neue Version, ein Zitat des medial tausendfach reproduzierten Bildes, Frau und Greifvogel, nur eben jetzt, wo sonst der stattliche Habicht auf ihrer Hand sitzt, ein gemeiner Grashüpfer. Ein Blick in Helens Gesicht. Sie bringt dem Insekt eine Neugier entgegen, ein Staunen, als wäre es eine seltene Spezies.

He is as beautiful, as perfect, as a jeweled brooch“, sagt sie, fast zärtlich. Der Grashüpfer hält absolut still, als beobachte er uns mit der gleichen Aufmerksamkeit wie wir ihn. Und dann erkenne ich sie auch: die Perfektion, Schönheit. Ein Schmuckstück an einer Brosche. Mein Herz reagiert, eine kleine Kontraktion. Andacht nur, hoffe ich, kein Abschiedsschmerz.

 

 

 

 

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